Opernfries
im Foyer des neuen Musiktheaters in Linz, 2013
Interaktive Wand über die Geschichte der Oper
Künstlerische Konzeption: Gottfried Hattinger
Konzept und Drehbuch: Gottfried Hattinger und Wolfgang Haendeler
Technische Umsetzung: Ars Electronica Solutions
Nichts weniger als die Geschichte der Oper vom Mythos bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater samt allen involvierten Disziplinen soll in exemplarischen Szenen auf maximal eine Stunde eingedampft und anschaulich dargestellt werden. Na dann! Zuerst legen wir jene „Protagonisten“ fest, die eine bestimmte Sparte des Opernbetriebes symbolisiert und in den Projektionsteppich zusammen mit Sensoren und Chips vom fabelhaften Textilzentrum Haslach gewebt werden. Die insgesamt vierzehn Figuren sind auf dem fünfzehn Meter langen Fries in Umrissen dargestellt und erwachen gewissermaßen zum Leben, sobald das elektronische System das Interesse einer Besucherin oder eines Besuchers erkennt, was wiederum Film- oder Bildsequenzen mit Beispielen aus dem gewählten Genre auslöst.
MYTHOS: Aus einem byzantinischen Mosaik fügt sich die Figur des Orpheus zusammen, dessen Gesang dem Mythos zufolge die Welt verzaubert und sogar Tiere, Pflanzen und Steine zum Weinen bringt. Danach schreitet Jordi Savall mit wehendem Cape Richtung Dirigentenpult, während als Ouvertüre die Toccata aus Claudio Monteverdis L'Orfeo von 1607 erklingt, womit der Beginn der Operngeschichte markiert wird. Es folgt die Schlussszene der Oper in der Inszenierung von Robert Wilson mit den wunderschönen Tierkostümen an der Mailänder Scala aus dem Jahr 2009.
Die HELDINNEN UND HELDEN der Oper: Oft intrigant, böse, dämonisch, oftmals verführerisch, in Verhängnisse verstrickt, bezaubernd. Hier sind sie repräsentiert durch die Königin der Nacht, dargestellt von Diana Damrau in Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart in einer Aufführung am Royal Opera House London, und einem Foto, das Erna Berger in der selben Rolle aus dem Jahr 1939 zeigt. Es folgt die Arie „Auf denn, zum Feste“ des vom Eros getriebenen Verführers und Mörders Don Giovanni, gesungen von Christopher Maltman in einer Aufführung des Salzburg Festivals, daneben werden das Gemälde „Don Giovanni“ von Max Slevogt und ein Foto mit Ruggero Raimondi in dieser Rolle im Jahr 1980 eingeblendet. Julia Migenes ist als rebellische Heldin in Carmen von Georges Bizet im legendären Film von Francesco Rosi zu sehen und zu hören, gefolgt von Siegfried Jerusalem als Parsifal in Richard Wagners Bühnenweihspiel in der Inszenierung von Wolfgang Wagner der Bayreuther Festspiele 1981. Der gute Held Max, der in Carl Maria von Webers Der Freischütz in die Fänge des Teufels gerät, wird von Peter Seiffert im Opernhaus Zürich 1999 dargestellt. Zuletzt tritt die mörderische Kindfrau Lulu in Alban Bergs Oper auf, gespielt von Agneta Eichenholz in The Royal Opera London.
Die Sparte REGIE ist repräsentiert von Max Reinhardt. Begleitet von der Arie „Libre! O bonheur!“ von Jacques Offenbach werden Szenen aus Reinhardts Regiearbeiten für Orpheus in der Unterwelt 1912, Pelléas et Mélisande von Claude Debussy 1903 und Der Sommernachtstraum von William Shakespeare 1935 eingeblendet. Walter Felsenstein verwendet erstmals den Begriff „Musiktheater“ für seine Regiearbeiten; von ihm sind filmische Szenen und Bühnenbildskizzen aus der Inszenierung des Othello von Giuseppe Verdi aus dem Jahr 1969 in der Komischen Oper Berlin präsentiert. Patrice Chéreau ist mit der Schlussszene der Götterdämmerung von Richard Wagner in der legendären Bayreuther Inszenierung des Rings 1976-1980) vertreten, Robert Wilson mit Szenen aus Einstein on the beach von Philip Glass an der New Yorker Met 1976; die kompromisslose Ruth Berghaus mit Szenen aus der Züricher Inszenierung des Freischütz 1999; der für seine provokante Symbolik bekannte Hans Neuenfels mit einer Szene aus Wagners Lohengrin in Bayreuth 2010, worin der Chor in Rattenkostümen auftreten musste.
Das GESAMTKUNSTWERK ist selbstverständlich vertreten durch Richard Wagner. Zur Musikeinspielung aus dem Vorspiel Das Rheingold werden Knut Ekwalls Zeichnung „Rheintöchter“ 1876, und eine Bühnenskizze aus dem Jahr 1882 zu Parsifal von Paul von Joukowsky projiziert. Als weitere „Gesamtkunstwerker“ folgen Bernd Alois Zimmermann mit einer Szene aus seiner einzigen Oper Die Soldaten aus der Stuttgarter Aufführung von 1989; Karlheinz Stockhausen ist vertreten durch seinen Anspruch eines „Welttheaters“ mit einem Ausschnitt aus dem WDR-Film FREITAG aus LICHT von 1996. Darauf folgen noch einmal Szenen aus Wagner-Opern: Aus Rheingold die vierte Szene mit den Rheintöchern, inszeniert 2007 in Valencia von den katalanischen Multimediakünstlern La Fura dels Baus; und Sequenzen aus der Bayreuther Parsifal-Inszenierung 2004 des Enfant terrible Christoph Schlingensief.
STIMMEN: Sie werden kultisch verehrt, manchmal sogar vergöttert: die großen Stimmen der Opernbühnen. „Diva aller Divas, Zauberin, Magierin, mit einem Wort: göttlich!“. So schwärmt Yves Seint-Laurent von Maria Callas, die als Protagonistin an erster Stelle dieses Genres steht, mit Bildern aus verschiedenen Rollen und Filmausschnitten aus Vincenzo Bellinis Norma. Nach ihr folgt die Rückblende zu Farinelli, der berühmtesten Kastratenstimme der Barockzeit, dargestellt von Stephano Dionisi im wunderbaren Film von Gérard Corbiau. Der lyrische Tenor mit legendärer Stimmtechnik Fritz Wunderlich singt Taminos Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus Mozarts Zauberflöte; und die charismatische Sopranistin der Gegenwart Anna Netrebko die „Wahnsinnsarie“ aus Donizettis Lucia di Lammermoor. Als Beispiel und Referenz an den Chor als kollektive Stimme ist mit „Oh welche Lust....“ ein Ausschnitt aus dem Chor der Gefangenen in Ludwig van Beethovens Fidelio aus dem Opernhaus Zürich 2008 gewählt.
Karl Friedrich Schinkel repräsentiert den Bereich BÜHNE, ARCHITEKTUR mit seinem bekannten Bühnenbildentwurf zur Zauberflöte für die Berliner Aufführung von 1816; daneben werden Stiche und Aufnahmen vom Schauspielhaus und Gendarmenmarkt in Berlin gezeigt, die zu den Höhepunkten seines architektonischen Schaffens zählt. Mit den bühnentechnischen Erfindungen des Barock wird die Oper zum Spektakel für Auge und Ohr; als Beispiel dafür müssen noch einmal Szenen aus Corbiaus Film Farinelli herhalten. Mit klaren Formen, Licht und Bewegung befreit Adolphe Appia die Opernbühne von dekorativen Schwulst und wird damit zum Vordenker moderner Bühnengestaltung. Von ihm werden Bühnenbildentwürfe zu Parsifal, Das Rheingold und Die Walküre aus den Jahren 1892 und 1896 zu Klängen aus dem Vorspiel zu Parsifal eingeblendet; danach Modelle zu Bühnenbildern zu Mozarts Idomeneo in Salzburg 1956 von Caspar Neher, den Bertold Brecht als „den größten Bühnenbauer unserer Zeit“ bezeichnet. Zuletzt sind Szenen aus Alice im Wunderland von Unsuk Chin mit den Bühnenbildern und Masken von Achim Freyer in seiner Münchner Inszenierung 2007 zu sehen.
Als Leitfigur zum Thema KOMPOSITION haben wir Arnold Schönberg gewählt, der mit der Loslösung von der Tonalität am Beginn der Moderne steht. Gezeigt wird die Szene mit der Verwandlung des Aronstabes in eine Schlange aus Moses und Aron in der Aufführung der Ruhrtriennale in Essen 2009. Christoph Willibald Gluck gilt als Erneuerer und „Entrümpeler“ der Oper im 18. Jahrhundert; aus seinen Werken wird ein Ausschnitt aus Orpheus und Eurydike in Bologna 2009 gespielt. Von Wolfgang Amadeus Mozart folgt das Duett Ilia – Idamente aus Idomeneo in der Aufführung an der Bayerischen Staatsoper 2008, und vom großen Reformator der italienischen Oper Giuseppe Verdi das berühmte Quartett des 3. Aktes von Rigoletto, worin er vier verschiedene Gesangslinien innerhalb einer einzigen melodischen Struktur vereint. Zwischen Impressionismus und Moderne ist Claude Debussy angesiedelt, aus dessen Oper Pelléas et Mélisande eine Szene aus der Züricher Aufführung 2004 gezeigt wird.
Am Beginn der Sequenzen zu TANZ, CHOREOGRAFIE steht Pina Bausch mit einem kurzen filmischen Ausschnitt aus Café Müller von 1978, in dem sie noch selber tanzt. Sie entwickelte den Ausdruckstanz zum modernen Tanztheater und hatte enormen Einfluss auf nachfolgende Choreografengenerationen, auch in der Oper. Davon gibt es Szenen aus Strawinskys Le Sacre du Printemps aus Wim Wenders Film Pina, und aus Glucks Orpheus und Eurydike in der Pariser Inszenierung 2008. Zur Musik aus Scheherezade von Rimsky-Korsakov werden Aufnahmen vom legendären Tanzgenie Vaslav Nijinsky projiziert, gefolgt von einem kurzen Filmausschnitt einer Rekonstruktion der Oper Prinz Igor von Alexander Borodin durch das Kirow Ballett 2002. Von Maurice Béjart, dem Erneuerer des neoklassizistischen Balletts folgt eine Sequenz aus dem Film B comme Béjart von Marcel Schüpbach; zuletzt eine Szene aus Die kleine Meerjungfrau von Lera Auerbach in San Francisco 2011 mit der Choreografie von John Neumeier, der traditionelle und moderne Tanzformen zu abendfüllenden Handlungsballetten verbindet.
Die Silhouette zum Part der DIRIGENTEN ist dem großen Arturo Toscanini gewidmet, dem besessenen Perfektionisten, dessen Karriere 68 Jahre lang dauerte. In der historischen Tv-Aufnahme von New York 1948 dirigiert Toscanini Richard Wagners Walkürenritt. Es folgt sein Konkurrent Wilhelm Furtwängler, er dirigiert Mozarts Don Giovanni in Salzburg 1954; danach ist Karl Böhm 1970 bei einer seiner gefürchteten Probenarbeiten zu Don Juan von Richard Strauss mit den Wiener Philharmonikern zu sehen. Ebenfalls Probenausschnitte mit dem großen Ästheten und Klangmagier Herbert von Karajan und dem emotionalen und unkonventionellen Leonard Bernstein. Zuletzt sehen wir Pierre Boulez Stücke von Debussy, Schönberg und Strawinsky dirigieren.
Die Beispiele zum Thema KOSTÜM beginnen mit Léon Bakst, der die meisten Kostüme und Bühnendekorationen für Diaghilews Ballets Russes entworfen hat. Unterlegt mit Musik aus Strawinskys Feuervogel erscheinen Figurinen zu diesem Stück und zu Nachmittag eines Fauns von Debussy. Auch aus Oskar Schlemmers „Metaphysischem Theater“ gibt es Figurinen zu seinen raumplastischen Körpern, die er 1926 zum Ensemble des Triadischen Balletts versammelt. Dazu spielt Oskar Sala das Triostück für mechanische Orgel von Paul Hindemith. Es folgen eine Filmszene aus Strawinskys The Rake's Progress mit Kostümen und Masken vom Maler David Hockney, die er für das Glyndeboune Festival 2011 entworfen hatte; und eine aus Glucks Iphigenie auf Tauris aus dem Opernhaus Zürich 2001, wo der Ausstatter der Salzburger Festspiele die Kostüme mit den Riesenköpfen schuf. Die Kostümbildnerin Frida Parmeggiani gestaltete die Kostüme für Robert Wilsons Black Rider, wofür sie 1990 zur „Besten Kostümbildnerin des Jahres“ gewählt wurde.
Auch die KINDEROPER soll nicht zu kurz kommen, sie wird repräsentiert von Benjamin Britten, der mit The Little Sweep (Der kleine Schornsteinfeger) eine der beliebtesten Stücke für Kinder schrieb, die auch von Kindern aufgeführt wird. Mit zwölf Jahren schrieb Mozart das Singspiel in einem Akt Bastien und Bastienne, aus dem eine Szene von einer Aufführung für Kinder an der Wiener Staatsoper aus dem Jahr 2006 gezeigt wird. Ein schönes Fundstück ist die Verfilmung von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel durch August Everding im Jahr 1980 mit Brigitte Fassbaender und Edita Gruberova und einer eindrucksvollen Filmtechnik, die im Hexenritt zum Einsatz kommt. Die Wiener Staatsoper führte 2005 die Kinderoper Aladdin und die Wunderlampe von Nino Rota auf, der vor allem für seine Filmmusiken für Fellini und Visconti bekannt geworden ist. Im Fries wird die komische Szene mit dem „Geist des Ringes“ gezeigt. Zum Schluss gibt es eine Szene aus Die Omama im Apfelbaum von Elisabeth Naske zu sehen, die zahlreiche Kinderbücher zu Opern vertonte. Die gezeigte Szene wurde 2012 am Landestheater Linz aufgeführt.
Zum Themenkreis OPERETTE fungiert Jacques Offenbach als Leitfigur, der die kleine Oper – die opérette – begründete. Seine Stücke sind leichtfüßige, satirische, groteske und frivole Kostbarkeiten, wie zum Beispiel der „Höllen-Cancan“ aus Orpheus in der Unterwelt, der dem Komponisten Weltruhm brachte. Der gezeigte skandalöse Tanz „Galop infernal“ stammt aus dem Film von Horst Bonnet 1973. Vom „Walzerkönig“ Johann Strauß wird das Couplet der Adele aus Die Fledermaus aus der Salzburger Produktion 2001 von Hans Neuenfels geboten; danach das Marsch-Septett „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ aus Die lustige Witwe von Franz Lehár, aufgeführt 2004 in Zürich. Von Emmerich Kalmán folgt das Duett „Tanzen möcht ich ...“ aus Die Czardasfürstin im Film von Miklós Szenetár 1971. Der Zyklus wird abgeschlossen mit einer Szene aus Der Kuhhandel von Kurz Weill, aufgeführt 2008 in der Volksoper Wien.
Die moderne Form der Operette ist das MUSICAL, das eingeleitet wird von Leonard Bernstein und dem berühmten „America“-Song aus seiner West Side Story, mit der die Entwicklung des Musicals entscheidend geprägt wurde. Audrey Hepburn und Rex Harrison sehen wir dann mit dem Lied „The rain in spain...“ aus My Fair Lady von Frederick Loewe im 1964 gedrehten Film von George Cukor. Mit „...Cry Argentina“ folgt der nächste Ohrwurm aus Evita von Andrew Lloyd Webber. In der Filmfassung von Alan Parker spielt Madonna die Rolle der Eva Perón. Von Richard O'Brian's kultiger The Rocky Horror Picture Show wird der letzte Song des Dr. Frank N. Furter“ in einer Inszenierung aus dem Jahr 1975 gezeigt.
Der letzte Zyklus ist den MODERNEN KOMPONISTEN gewidmet, beginnend mit der Silhouette von Hans Werner Henze und einem Ausschnitt aus seiner Oper Der junge Lord von der Deutschen Oper Berlin 1968. Gegen den Zeitgeist wagt Henze damit eine publikumswirksame opera buffa. Auch Igor Strawinsky wurde gerne „Neoklassizismus“ vorgeworfen; als Beispiel seiner eigenwilligen Stilistik fungiert hier die Arie des brennenden Shadow aus The Rake's Progress „I burn, I burn, I freeze“ in der eindrucksvollen Inszenierung von 2007 im La Monnaie Brüssel. Von György Ligeti folgt eine Szene mit der schwebenden Venus aus seiner Oper Le Grand Macabre, die in Barcelona 2011 aufgeführt wurde. Zum Schluss kommt die „Ha-ha-ha-ha“-Szene aus Satygraha von Philip Glass, dem führenden Vertreter der „Minimal Music“, aus Stuttgart 1983.