Unter Beobachtung. Kunst des Rückzugs

Kulturregion Stuttgart, 25.9.–18.10.2020

in 21 Städten der Region


Unversehens bekam das Thema ganz neue Brisanz und Aspekte, die uns alle betroffen haben. Gesetzliche Grundlagen zur Massenüberwachung wurden geschaffen und damit Möglichkeiten für Eingriffe in Persönlichkeitsrechte, die vormals noch tabu waren. Und der bislang hauptsächlich positiv bewertete Wunsch nach Rückzug ist plötzlich zum Zwang geworden, zur häuslichen Gefangenschaft, zur „Wohnhaft“. Die globale Gesellschaft im Stillstand, in Schockstarre. Dies alles verursacht durch einen winzigen Virus, der uns vehement bewusst werden lässt, wie verletzlich wir sind und dass wir die Welt längst nicht im Griff haben. Insofern sind die Grundüberlegungen und Fragen zum Festivalthema auf gespenstische Weise aktuell.

Wo gibt es noch Rückzugsorte, ums sich als Individuum zu schützen und zu behaupten? Wo sind die Refugien, Reservate, Idyllen und Oasen, in denen wir Zuflucht finden, wenigstens für eine Weile ohne mediale Bedrängnis? Können Orte der Kunst und Kultur solche Reservate sein?

Fotos: Frank Kleinbach

Backnang

Dirk Schlichting: Station P

Brache an der Oberen Walke


Für seine Installation errichtete der Künstler auf einer großen Brache ein bunkerähnliches Gebäude. Das Gelände ist eingezäunt; niemand kommt näher als ca. 100 Meter heran. An der Straße ist ein Fernrohr installiert, mit dem das Publikum den Bunker beobachten kann. Lebt der Künstler wirklich in seinem Rückzugsort? Im Internet wird das Geschehen im Innenraum übertragen. Der Künstler inszeniert seinen Rückzug und exponiert sich damit gleichzeitig selbst. 

Bad Boll

Symposium „Die überwachte Gesellschaft“

Evangelische Akademie Bad Boll, 12.10.2020

Leitung: Hans-Ulrich Gehring; Moderation: Stephan Ferdinand


Florian Mehnert: „Dadaismus versus Freiheit – Die Algorithmisierung unseres Lebens“

Katharina Nocun: „Die Daten, die ich rief“

Katja Mayer: „Offene Daten für eine verantwortungsvolle Wissenschaft“

Adrian Lobe: „Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis“

Artur Dziuk: „Das Ting“ 

Bietigheim-Bissingen

Angelika Wischermann: Durchgangszimmer

Städtische Galerie


Im Rahmen der Ausstellung „Keine Schwellenangst! Die Tür als Motiv in der Gegenwartskunst“ zeigte die Künstlerin eine Dokumentation ihrer Installation, die aus einem aus vier Wänden bestehenden kleinen Raum besteht, der ungewöhnlich viele Türen hat. So wird das Begehen des Raumes wird zur Herausforderung für mehrere Personen. Die Ausstellung wurde kuriert von Isabell Schenk-Weininger und Petra Lanfermann von der Städtischen Galerie.

Ditzingen

Christian Hasucha: Die Insel

Rathausplatz


Eine kleine grüne Insel schwebte über dem Ditzinger Rathausplatz. Auf einem kreisrunden Podest erhob sich drei Meter über dem Boden ein künstlicher Rollrasen-Hügel und war frei begehbar.

Esslingen am Neckar

Themenausstellung „Unter Beobachtung“

Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen


Im Mittelpunkt der kompakten Themenausstellung standen die ausufernde Produktion, Sammlung und Auswertung von Daten aller Art, und die Allmacht der Algorithmen. Ob künstliche Intelligenz, die Auflösung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion oder die Verschmelzung von Lebewesen und Maschine.

Dries Depoorter: Surbeillance Paparazzi

Verena Friedrich: Endo

Heather Dewey-Hagborg: Stranger Visions

Gregor Kuschmirz: Die schüchterne Kamera 

Esther Hovers: False Positives

Marc Lee: Security First

Christiaan Zwanikken: Scorched Earth / Verbrannte Erde

Alex Verhaest: Temps Mort / Idle Times

Filderstadt

Katharina Mayer: Familia

Städtische Galerie


Dem Gruppenporträt gilt das Hauptinteresse der Künstlerin. Ob Unternehmer-, Flüchtlings- oder Lehrerfamilie, ob Groß- oder Kleinfamilie – ihre inszenierten Porträts zeigen Ausschnitte von Lebensgeschichten. In Filderstadt porträtierte Katharina Mayer insgesamt fünf Familien.

Gerlingen

Barbara Ungepflegt: Airpnp

Buswartehäuschen am Rathausplatz


Wohnen unter Beobachtung: Die Performancekünstlerin hatte sich in einem Buswartehäuschen eine Bleibe eingerichtet. Für drei Wochen lebte sie unter den Augen der Gerlinger Öffentlichkeit auf etwa drei Quadratmetern. Das kleine Domizil bot gerade Platz für das Allernötigste: ein Klappsofa, Regal, Tisch, zwei Stühle. Blumen, Bücher und Bilder schufen eine gemütliche Atmosphäre. Selbst Mahlzeiten bereitete sich die Künstlerin zu.

Göppingen

Jacob Dahlgren: The Flag Project

Kunsthalle Göppingen und öffentlicher Raum


Der Künstler richtete den Ausstellungsraum als Schneiderei ein. Besucherinnen und Besucher waren eigeladen, eigene abstrakte Entwürfe zu gestalten. Aus ihren Vorlagen wurden vor Ort Fahnen gefertigt. Beginnend im Hof der Kunsthalle breiteten sich die Flaggen im Stadtraum aus.  

Kirchheim unter Teck

Ronald Deppe: Unter Teck Über Deck. Erbauliche Turmmusicke für mindestens 4 Himmel- & Bimmelrichtungen

Rathausturm


Seit fast 500 Jahren steigen jeden Samstag um halb 12 auf den Kirchheimer Rathausturm und schmettern ihre Choräle in alle vier Himmelsrichtungen. Der Komponist und Musiker Ronald Deppe knüpfte an diese Tradition an und bricht sie gleichzeitig mit einem neuen Stück für Bläserquartett auf.

Kornwestheim

Dries Depoorter: Surveillance Speaker

Marktplatz


Eine Überwachungskamera, montiert an einem über zwei Meter hohen Mast, zeichnet auf, was in der näheren Umgebung passiert. Über Lautsprecher teilt die Kamera den Passanten mit, was sie wahrnimmt. Depoorter personalisiert das gerät, indem er die Technik aus der Ich-Perspektive berichten lässt.

Leonberg

Bernd Oppl: I’m after me

Stadtpark


Ausgehend von Edward Hoppers Bild „I’m after me“ errichtete der Künstler eine begehbare Skulptur. Eine Kamera nahm dabei im Zeitrafferverfahren in bestimmten Intervallen Bilder auf und es entstand ein Film. Die Besucher tauchen im Film blitzlichtartig auf.

Ludwigsburg

Rimini Protokoll: Remote Ludwigsburg

Rückzugs- und Beobachtungsorte im Stadtraum


Eine mit Kopfhörern ausgestattete Gruppe brach gemeinsam auf zu einem ungewöhnlichen Rundgang durch die Stadt. Eine künstliche Stimme, wie man sie von Navigationssystemen kennt, leitete die Gruppe. Mit jedem Schritt wird die Computerstimme vertrauter. Doch wer spricht da und wem folgen wir, wenn wir uns leiten lassen? Wie beeinflusst künstliche Intelligenz die Wahrnehmung, und wie wirkt sich die Fernsteuerung auf des Verhalten der Gruppe aus?

Marbach am Neckar

Andrea Maurer: Wir stehlen uns die Wörter zurück und bauen unser eigenes Haus

Literaturmuseum der Moderne


Eine sprachexperimentelle Performance nannte die Künstlerin ihre raumgreifende Installation. Über zehn Tage hinweg bot sie einen „poetischen Service“ an, wobei sie die Marbacher Bevölkerung aufrief, Schriftstücke oder Gegenstände vorbeizubringen. Die überlassenen Materialien wurden zerlegt und bearbeitet, Maurer legte im buchstäblichen Sinne Hand an, grub sich unter die Oberfläche dieser Texte und Dinge, durchlöcherte Worte, zerschnitt Tische sezierte Zollstöcke, zerschlug Buchstaben und Ziffern… Es entstanden Gebilde, deren Funktion nicht mehr im Zweckmäßigen sondern im Poetischen lag.

Ostfildern

Iris Andraschek & Hubert Lobnig: Einrichten, ein Spiel. From private place to public sphere

An der Halle und im Stadtraum


Für ihr Projekt sammelte das Künstlerpaar allerhand Dinge: Möbel und Teppiche, aber auch Wörter und Sätze sowie inszenierte Aufnahmen von Personen in ihren öffentlichen Rollen oder in ihren Privaträumen. Die eingebrachten Porträts säumten temporär öffentliche Wege und Straßen, zudem wurde im Zentrum ein Wohn- und Lebenszimmer gestaltet; einen für Alle zugänglichen Raum in der Öffentlichkeit.

Schorndorf

Kirsten Johannsen: Constructing Paradise

Innenstadt und Q Galerie für Kunst


Die Künstlerin nahm mit dem Paradies den Rückzugsort par excellence in den Blick. Sie entwickelte sieben unterschiedliche paradiesische Vorstellungen und leitete einfache Bauanleitungen aus ihnen ab: vom Garten Eden, über das Moon-Paradies bis zum Drugstore, dem Ort des Rausches und der Stimulation. Zwei beauftragte Paradies-Fachpersonen erläuterten Interessierten in der Schorndorfer Innenstadt die Konzepte und erklärten, wie sich diese in den eigenen vier Wänden umsetzen ließen.

Schwäbisch Gmünd

Hannah Weinberger: Rapid Manufacturing

Johanniskirche


Die Künstlerin entwickelte zusammen mit dem Ingenieur der Organola, Klaus Holzapfel, und dem Soundspezialisten Rocket Science eine Arbeit für die Orgel in der Johanniskirche. Holzapfel konstruierte eine Maschine, die vollautomatisch und ohne größeren Eingriffe die Orgel spielen kann. Die Künstlerin bediente sich dieses Automaten und erweiterte ihn mit ihrem eigenen Tonsystem, einem digitalen Algorithmus., der im Zufallsprinzip einen endlosen Soundtrack produzierte. – Am Eröffnungsabend konzertierte das collegium Vokale schwäbisch gmünd zusammen mit dem trio verve.

Schwäbisch Hall

Felicitas Franck, Dorothea Franck: alles da? was fehlt?

Dieter Franck Haus


Die Bildhauerin Felicitas Franck verwandelte den Ausstellungsort in die Anmutung einer Höhle – mit Höhlenkunst an dunklen Wänden. Ihre Installation „Hölderlin lesen unter Fischen“ würdigt den vollendeten Rückzug des Dichters. Für die Sprachwissenschaftlerin Dorothea Franck ist die Sprache der Ort des Rückzugs par excellence. Sie spürt grundlegenden Polaritäten in der Spräche nach, wie der zwischen analog und digital. In ihren Texten untersucht sie was passiert, wenn Wörter freien Auslauf haben: fest wird flüssig, Bedeutungen wackeln, kippen und zerfließen, die Sinne werden vor dem Verstand bedient. Verfremdung heilt Entfremdung.

Stuttgart

Daniel Beerstecher: Last Place of Refuge

AKKU Projektraum


Für den Künstler, der mit seiner Performance die allgegenwärtige Überwachung in einer digitalisierten Welt thematisiert, ist Meditation die einzig verbliebene Möglichkeit, sich wirklich zurückzuziehen. Für die Dauer des Festivals meditierte er dienstags bis sonntags täglich sechs Stunden. Dabei ließ er sich frontal von einer Kamera überwachen, die die Bilder live ins Internet übertrug. Auch Vorbeikommende konnten Beerstecher bei seiner Performance beobachten oder mitmeditieren.

Stuttgart

Julius Deutschbauer: Bibliothek ungelesener Bücher

Stadtbibliothek am Mailänder Platz


Der Künstler schuf einen Rückzugsort im sogenannten HERZ der Stadtbibliothek. Er fahndet nach Büchern, die zwar in aller Munde sind, kaum jemand aber wirklich gelesen hat. Neben Lesungen wurden Stuttgarter Persönlichkeiten und das Publikum zu ihren ungelesenen Büchern interviewt. Es lasen Gerhard Rühm und Monika Lichtenfeld, Rosa Pock und Sina Klein.

Foto: Maike Jung

Stuttgart

Studio umschichten: Festivalzentrum

Pariser Platz


Das Festivalzentrum diente an zentraler Stelle der Stadt als offener Treffpunkt und Ort der Begegnung, aber auch als Rückzugsraum mitten im öffentlichen Leben der Stadt. Entworfen vom Architekturstudio „umschichten“, bestand es aus den Schalungsplatten der Kelchstützen des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21. Die begehbare Skulptur verweist auf eine Schollenlandschaft, deren massive Elemente Publikum und Passanten einluden Platz zu nehmen. Zugleich war die Installation Informationsträger für die Projekte in der gesamten Region. 

Waiblingen

Marion Eichmann: Ich sehe was, was du nicht siehst

Galerie Stihl


Für das Foyer der Galerie hat die Künstlerin eine Installation aus farbigen Papieren zum Festivalthema geschaffen. Sie greift in ihren Werken auf, was ihr im Alltag begegnet. Ausgangspunkt ihrer Arbeit in Waiblingen ist der Gemütszustand der großstädtischen Bevölkerung zwischen dem Wunsch nach Rückzug, dem Drang nach Öffentlichkeit und der Flucht vor Überwachung.